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Aktualisiert (Donnerstag, den 03. November 2016 um 19:19 Uhr)

 

Winfried Schwarzer

  • Geboren 1935 in einem böhmischen Dorf, wohnt jetzt in Rostock, verheiratet
  • ABF in Halle, Studium Ingenieur-Ökonomie, Fachrichtung Bauwesen, an der TH Dresden
  • Bis 1993 in der Baustoffindustrie tätig
  • Mit Ende des Berufslebens begann er Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben, um sie den Enkeln und weiteren Generationen zu erhalten.
  • Seit 1997 arbeitet er in Rostocker Schreibzirkeln mit. Zuerst bei der Uni Rostock, dann bei der Volkshochschule und jetzt im Literaturhaus Kuhtor in Rostock.
  • Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

 

Reisen bildet

„Reisen bildet“ ist ein geläufiges Sprichwort, es bewahrheitete sich vor Jahrhunderten und gilt auch heute noch. Während meiner Kinder- und Jugendjahre, ich wurde 1935 geboren, war Reisen für unsere Familie ein Fremdwort.

Heute ist es anders. Viele Veranstalter bieten Reisen in fast alle Länder der Erde an. Von wenigen bis zehntausenden Euro ist vieles möglich. Ausgenommen sind Reiseziele mit sehr bleihaltiger Luft, in denen der Aufenthalt für Bewohner und Besucher lebensgefährlich ist.

Emotional besonders beeindruckte mich 2015 während einer Kroatienrundfahrt der Besuch in Dubrovnik. Im Heimatkrieg 1992, wie unsere Reiseführerin Sandra formulierte, wurde die Stadt von serbisch-montenegrinischen Streitkräften vom hohen Berg mit Artillerie beschossen. Wir konnten nachvollziehen, wie eine schutzlose Stadt zerstört wurde.

Reisen bildet und schafft gleichzeitig ein Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen in anderen Ländern. Das Gefühl der Verbundenheit lässt keinen Platz für Streitigkeiten und kriegerische Auseinandersetzungen.

Vor einigen Wochen unternahmen meine Frau und ich eine Flussreise von Moskau nach St. Petersburg. Wir lernten freundliche und hilfsbereite russische Menschen kennen. Wir besichtigten Kathedralen und wertvolle historische Bauten, deren Zerstörungen während des 2. Weltkriegs mit viel Aufwand in den Nachkriegsjahren beseitigt wurden. Von den Reiseführern kamen oft die Worte „wurden im letzten Krieg zerstört“. Nie wurde gesagt „wurde von deutschen Soldaten zerstört“.

Ich schämte mich. Und dabei musste ich daran denken, dass wieder deutsche Panzer, nur 150 Kilometer entfernt von St. Petersburg, in Angriffsstellung gebracht werden.

Vom Wandergesellen zum „Aufbau West“

Seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung wanderten Gesellen einige Jahre durch die Lande und arbeiteten bei verschiedenen Meistern. Sie erfüllten damit eine Voraussetzung zur Meisterprüfung. Hin und wieder gewannen sie auch das Herz des Meistertöchterchens. Es waren Wanderschaften, um die handwerklichen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erweitern.

Im 20. Jahrhundert veränderte sich die Form der Handwerkerwanderschaft.

Berlin, Hauptstadt der DDR, brauchte Wohnungen, viele Wohnungen. Und da gab es doch den volkseigenen Betrieb Wohnungsbaukombinat Rostock mit großen Erfahrungen im Wohnungsbau. Also Jungs, ob ihr wollt oder nicht, packt eure Klamotten ein und auf geht es. Wohin? Natürlich nach Berlin. Und woher bekommen wir Technik und Material? Das nehmen wir alles mit. Neben den Rostocker Bauleuten gingen auch Baubrigaden aus anderen Bezirken auf Wanderschaft nach Berlin.

Dann kam das Jahr 1990 und eine andere Handwerkerwanderschaft entwickelte sich. Die Arbeitsplätze im neuen Land Mecklenburg-Vorpommern hatten sich rapide vermindert. Wo bekomme ich Arbeit? Ganz einfach. In Hamburg oder Bremen, in München oder Stuttgart und, und, und. Das ist doch alles so weit weg. Was meinst du wohl, wie weit vor hundert und mehr Jahren die Handwerksgesellen gewandert sind. Die waren das ganze Jahr unterwegs und du kannst bestimmt jedes Wochenende nach Hause fahren. Und tröste dich. Aus Mecklenburg-Vorpommern sind mit dir etwa 70000 Handwerker und anderweitig Beschäftigte auf Wanderschaft und leisten „Aufbau West“.

 

Alle Rechte für die vorstehenden Texte liegen beim Autor selbst.
© Winfried Schwarzer